Quaerens

Letzten Sonntag, auf der Rückfahrt von der Hl. Messe, mein Sohn fragt mich:

Kind: Papa?
Vater: Ja?
Kind: Unser Relilehrer hat gesagt, der Papst habe die Bischofsweihen verboten.
Vater: Das stimmt.
Kind: Warum hat die Bruderschaft sie dann trotzdem gemacht?
Vater: Weil es ein Notstand ist.
Kind: Wer hat das festgestellt?
Vater: Das sieht doch jeder.
Kind: Der Papst nicht.
Vater: Der sieht manches eben anders.
Kind: Wer hat denn recht?
Vater: Die Tradition.
Kind: Wer ist denn die Tradition?
Vater: Niemand. Das ist das, was die Kirche immer geglaubt hat.
Kind: Woher weiß man, was die Kirche immer geglaubt hat?
Vater: Dafür gibt es Theologen.
Kind: Und den Papst.
Vater: Ja.
Kind: Der sagt aber etwas anderes.
Vater: In diesem Fall.
Kind: Dann haben die Theologen recht?
Vater: Manche schon.
Kind: Woran erkennt man das?
Vater: Daran, dass sie der Tradition treu bleiben.
Kind: Wer entscheidet das?
Vater: Das muss man prüfen.
Kind: Wer prüft?
Vater: Die Bruderschaft zum Beispiel.
Kind: Sich selbst?
Vater: Nein. Die Lage.
Kind: Und wer entscheidet, ob ihre Prüfung richtig war?
Vater: Das wird sich zeigen.
Kind: Wann?
Vater: Später.
Kind: Wer entscheidet es später?
Vater: Die Kirche.
Kind: Der Papst?
Vater: Ja.
Kind: Aber der hat doch schon entschieden.
Vater: Ja...
Kind: Dann ist später schon gewesen.
Vater: So darfst du das nicht sehen.
Kind: Warum nicht?
Vater: Weil kirchliche Dinge Zeit brauchen.
Kind: Hat der Papst sich zu viel Zeit gelassen?
Vater: Nein.
Kind: Warum hat die Bruderschaft dann nicht gewartet?
Vater: Weil sie nicht warten konnte.
Kind: Warum nicht?
Vater: Sonst wäre großer Schaden entstanden.
Kind: Welcher?
Vater: Es hätte irgendwann keine Bischöfe mehr gegeben.
Kind: In der Kirche?
Vater: In der Bruderschaft.
Kind: Ach so.
Vater: Ja.
Kind: In der Kirche gibt es aber Bischöfe.
Vater: Natürlich.
Kind: Warum konnten die keine Priester weihen?
Vater: Weil die Bruderschaft ihre Hilfe nicht annehmen konnte.
Kind: Warum nicht?
Vater: Weil sie die Krise der Kirche anders beurteilt.
Kind: Anders als der Papst?
Vater: Ja.
Kind: Wenn ich den Lehrer anders beurteile als der Lehrer sich selbst, darf ich dann machen, was ich will?
Vater: Das kannst du doch nicht vergleichen.
Kind: Warum nicht?
Vater: Das eine ist Schule.
Kind: Und das andere Kirche.
Vater: Eben.
Kind: Gilt in der Kirche kein Gehorsam?
Vater: Doch.
Kind: Gegenüber wem?
Vater: Dem Papst.
Kind: Immer?
Vater: Im Allgemeinen.
Kind: Und wenn nicht?
Vater: Dann muss es sehr ernste Gründe geben.
Kind: Wer entscheidet, ob sie ernst genug sind?
Vater: Das Gewissen.
Kind: Das eigene?
Vater: Ja.
Kind: Kann jeder sagen: "Mein Gewissen sieht das anders"?
Vater: Nein.
Kind: Warum nicht?
Vater: Weil das Gewissen irren kann.
Kind: Die Bruderschaft nicht?
Vater: Doch.
Kind: Woher wusste sie dann, dass sie sich diesmal nicht irrt?
Vater: Weil sie überzeugt ist.
Kind: Sind andere auch überzeugt?
Vater: Natürlich.
Kind: Haben die dann auch recht?
Vater: Nicht unbedingt.
Kind: Warum?
Vater: Weil Überzeugung allein nicht genügt.
Kind: Woher weiß man dann, wer recht hat?
Vater: Man muss die Lehre kennen.
Kind: Wer erklärt die Lehre verbindlich?
Vater: Der Papst.
Kind: Der hat aber gesagt, die Weihen dürften nicht stattfinden.
Vater: Ja.
Kind: Und sie haben trotzdem stattgefunden.
Vater: Ja.
Kind: Dann hat die Bruderschaft dem Papst nicht gehorcht.
Vater: In diesem Punkt nicht.
Kind: Warum nennt sie sich dann gehorsam?
Vater: Weil sie Gott gehorchen wollte.
Kind: Hat der Papst nicht auch Gott gehorchen wollen?
Vater: Doch.
Kind: Dann wollten beide Gott gehorchen?
Vater: Ja.
Kind: Aber einer musste sich doch irren.
Vater: Offenbar.
Kind: Wer?
Vater: Das ist eben die Frage.
Kind: Ich dachte, die Antwort wüsste die Bruderschaft schon.
Vater: Sie glaubt es zu wissen.
Kind: Der Papst auch?
Vater: Ja.
Kind: Dann glauben beide, dass sie recht haben.
Vater: So ist es.
Kind: Wer entscheidet zwischen ihnen?
Vater: Eigentlich der Papst.
Kind: Der hat doch entschieden.
Vater: Ja.
Kind: Warum gilt seine Entscheidung dann nicht?
Vater: Weil sie ungerecht gewesen sein soll.
Kind: Wer hat das festgestellt?
Vater: Die Bruderschaft.
Kind: Über die Entscheidung gegen die Bruderschaft?
Vater: Ja.
Kind: Darf man Richter über den eigenen Prozess sein?
Vater: Normalerweise nicht.
Kind: Warum hier?
Vater: Weil es um den Glauben geht.
Kind: Gilt beim Glauben etwas anderes?
Vater: Nicht alles.
Kind: Nur das?
Vater: So einfach ist das nicht.
Kind: Wenn der Papst morgen sagen würde: "Es gibt keinen Notstand mehr."
Vater: Ja?
Kind: Würde die Bruderschaft ihm glauben?
Vater: Vermutlich nicht.
Kind: Wenn der nächste Papst es sagt?
Vater: Wahrscheinlich auch nicht.
Kind: Und der übernächste?
Vater: Vielleicht.
Kind: Wovon hängt das ab?
Vater: Ob sich die Verhältnisse ändern.
Kind: Wer entscheidet das?
Vater: Die Bruderschaft muss das beurteilen.
Kind: Dann entscheidet die Bruderschaft also, wann sie dem Papst wieder gehorcht.
Vater: Nein.
Kind: Wer denn?
Vater: Die Umstände.
Kind: Wer beurteilt die Umstände?
Vater: Die Bruderschaft.
Kind: Ach so.
Vater: Ja.
Kind: Dann entscheidet sie es doch.
Vater: Nein... sie stellt es nur fest.
Kind: Wie das Wetter?
Vater: So ungefähr.
Kind: Kann man sich beim Wetter irren?
Vater: Natürlich.
Kind: Kann sich die Bruderschaft irren?
Vater: Natürlich.
Kind: Woher weiß sie dann, dass sie sich seit so vielen Jahren nicht geirrt hat?
Vater: Weil...
Kind: ...weil sie es selbst festgestellt hat?
Unser Fußballtrainer hat gesagt, wenn einer immer selbst entscheidet, wann der Schiedsrichter falsch pfeift, spielt er am Ende nicht mehr nach den Regeln des Schiedsrichters.

An dieser Stelle des Gesprächs waren wir dann zu Hause angekommen und ich habe mich schnell in die Toilette geflüchtet.
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Dabei wäre alles so klar und einfach, wenn man die römischen Protestanten wegen Apostasie der Kirche verwiese.